Der "Kick" mit dem BlaulichtEs ist 2.30 Uhr an einem Sonntagmorgen, als der Melder uns aus dem Schlaf piepst. Seit gestern 19.00 Uhr sind wir nun im Dienst. Wir hatten nur zwei normale Krankentransporte, jeweils eine Einweisung in eine Klinik. Und das alles mit dem RTW! Ein richtiger Notfall war nicht dabei. Nach Befriedigung unserer abendlichen „physiologischen Konsumbedürfnisse (Einnahme von Fastfood und „Zapping" durch die Fernsehkanäle) beschlossen wir vor knapp zwei Stunden, ein bisschen „Augenpflege zu betreiben ... Doch jetzt klingt die Notfallmeldung, die uns die Rettungsleitstelle (RLSt) beim Alarm durchgibt, vielversprechend: „Schwerer Verkehrsunfall auf der Bundesstraße, mehrere Personen schwer verletzt, einige noch eingeklemmt! Drei weitere RTW, 2 NEF und Feuerwehr rücken Ihnen nach!" Auf Grund der topographischen Lage unserer Wache werden wir die Ersten sein, die an der Notfallstelle eintreffen. Es sind von uns aus knapp 4 Minuten zu fahren. Jetzt sind wir beide hellwach, es ist ruhig auf dem Fahrzeug. Uns gehen verschiedene Vorstellungen durch den Kopf. Wir machen uns Gedanken, was da eventuell auf uns zukommt. Auf der Anfahrt machen wir noch aus, dass wir zunächst eine grobe Sichtung der Verletzten vornehmen werden und ggf. Rettungskräfte nachfordern. Der zweite RTW aus der Innenstadt wird frühestens 10 Minuten nach unserem Eintreffen da sein. Mein Kollege gibt Gas und beschleunigt. Wir fahren mitten im Nebel durch die pechschwarze Nacht. Die Straßen sind nass, teilweise überschwemmt, so dass wir selbst aufpassen müssen, nicht ins Schleudern zu kommen. Ich sage zu meinem Kollegen, er solle etwas langsamer fahren, denn ich fühle mich unwohl, daneben zu sitzen. Ich weiß, dass er ein guter Fahrer ist und ich habe ihm diesbezüglich auch noch nie dreingeredet, doch diesmal ist mir danach. Was nützt es mir, wenn ich durch die Einsatzfahrt total „überdreht" und mit zittrigen Händen an der Notfallstelle ankomme und dann vielleicht mehrere schwerverletzte Patienten versorgen soll. Mein Kollege zeigt Verständnis ... Das Blaulicht reflektiert an einem silbernen Straßenschild, das auf ein Tempolimit auf Grund von Schleudergefahr hinweist. Da ist bestimmt einer mit einem voll besetzten Fahrzeug zu schnell gefahren und ins Schleudern gekommen. Wieder mal ein typischer Discounfall am Sonntagmorgen! Diese Gedankengänge machen uns jedes Mal wütend, weil wir so etwas nicht nachvollziehen können. Besonders leid tun uns die Leute, die verunglücken und gar nichts dazu können. Einfach verantwortungslos! In Kürze werden wir beide gefordert sein, und man wird sehen, ob unser Fachwissen und unsere Erfahrungen im Rettungsdienst etwas bringen. Schließlich hat man einen derartigen Unfall nicht alle Tage. Werden wir alles richtig machen? Zunächst ohne Arzt und weitere Unterstützung? Wie wird sich mein Kollege verhalten, der einen derartigen Notfall noch nie hatte? Kann ich vor Ort die Ruhe bewahren, den Überblick behalten, ohne selbst in Panik zu geraten? Der Gedanke an das Unfallgeschehen, an die schwerverletzten Patienten lässt den Adrenalinspiegel ansteigen. Flüchtige Gedanken an ähnliche Unfälle aus der Vergangenheit oder an Szenen, wie sie im Fernsehen immer gezeigt werden, drängen sich auf. Man beruhigt sich mit dem Gedanken: „So einen Verkehrsunfall habe ich in der Vergangenheit schon ein paarmal gehabt! Alles Routine! Was soll also schief gehen! Nach eins kommt zwei!" Je näher wir an die Einsatzstelle kommen, desto intensiver wird die Anspannung. Man zwingt sich zwar, einfach ruhig zu bleiben und die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Doch die Gefühlszustände im Inneren lassen sich in diesem Augenblick nicht unterdrücken. Die emotionale Ebene zeigt dir deutlich, was in dir vorgeht. Sie ist stets ehrlich zu dir selbst.
Werden wir die erste Zeit am Einsatzort sinnvoll überbrücken, die richtigen Patienten versorgen, die Lage richtig einschätzen? Hoffentlich brauchen die anderen Kollegen, die auch auf der Anfahrt sind, nicht so lange. Fünf Minuten können wie eine Ewigkeit sein, wenn man auf etwas wartet. Das Blaulicht spiegelt sich in einer weißen Nebelwolke. Alle Augen werden auf unser Tun gerichtet sein. Wir werden im Mittelpunkt stehen, zumindest einige Zeit. Alle Fahrzeuge, die uns unterwegs begegnen, fahren zur Seite, um uns Platz zu machen. Irgendwie sind wir jetzt doch stolz. Ich glaube schon, den richtigen Beruf ergriffen zu haben. Nach der nächsten Linkskurve auf der regennassen Straße ist die Unfallstelle in Sichtweite. Es sind noch knapp 300 Meter. Ein Streifenwagen der Polizei sichert mit eingeschaltetem Blaulicht die Unfallstelle ab. Je näher wir nun kommen, desto mehr werden Details sichtbar. Dann sehen wir ein total zertrümmertes Fahrzeug, das wohl mit voller Wucht auf einen Baum geprallt ist. Wer soll diesen Unfall überlebt haben? Der Polizeibeamte winkt uns zu. Es scheint wirklich um Minuten zu gehen. Eingetroffen! Mit beiden Notfallkoffern und EKG-Einheit hasten wir die Straße hinab in Richtung des Unfallfahrzeugs. Hastig fragen wir: „Wo sind die Schwerverletzten?" Auf halbem Weg kommt uns der Streifenbeamte entgegen und winkt ab: „Ihr könnt langsam machen. Ich wollte euch gerade wieder abbestellen. Der Fahrer hat außer ein paar Schrammen nichts. Der will wahrscheinlich gar nicht mit ins Krankenhaus. Er ist allein beteiligt, es gibt keine weiteren Verletzten!" Zunächst stellt sich ein Gefühl der Ungläubigkeit ein: Das kann doch nicht wahr sein! Wir gehen auf den jungen Patienten zu, der inzwischen im Streifenwagen sitzt und vernommen wird. Tatsächlich, er hat wie durch ein Wunder überlebt. Oberflächliche Schürfwunden an beiden Händen sind sichtbar. Die hat er sich beim Herauskriechen aus seinem Fahrzeug zugezogen. Mein Kollege und ich schauen uns total erstaunt an, dann noch einmal ein kurzer Blick auf das Unfallfahrzeug. Wir sind wie gelähmt. Wir gehen zum RTW, geben die Lage durch und bestellen die nachrückenden Einsatzkräfte ab. Der junge Patient will nicht ins Krankenhaus. Nach kurzer Abklärung der Personalien verabschieden wir uns und fahren einsatzklar Richtung Wache. Es herrscht Ruhe auf dem Fahrzeug. Der Adrenalinspiegel sinkt wieder ab, die Angespanntheit lässt nach. Wir verspüren Erleichterung, aber auch Müdigkeit. Auf der anderen Seite jedoch macht sich eine Art von Frustgefühl und „Enttäuschung" breit. Ich schaue auf die Uhr: Es ist kurz nach drei. Diese Nacht ist auch gelaufen, denke ich. Wegen dieses Unfalls werden wir mitten in der Nacht alarmiert! Wir hätten es ja eingesehen, wenn sich die angenommene Lage tatsächlich bestätigt hätte. Es klang am Anfang so „vielversprechend". Wir sind mit Sonderrechten so schnell wir konnten angefahren, haben uns selbst dem Risiko ausgesetzt und dann: Wieder einmal nichts „Gescheites"! |